Münchner Hausverwaltungen – 400.000 Mark in die eigene Tasche

Zahlreichen Hausverwaltungen fordern Schmiergeldzahlungen von Handwerkern und Öl-Lieferanten

Die Süddeutsche Zeitung schreibt:

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Münchner Hausverwaltungen Sie erpressen Handwerker und kassieren für Öl. Schon 20 Schmiergeldfälle aufgedeckt – Ermittler warnen: “Das System verführt zur Selbstbedienung”

Der leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld spricht von Praktiken, die “sehr, sehr weit verbreitet” seien. Staatsanwältin Stefanie Oberländer, die seit Jahren korrupten Verwaltern auf der Spur ist, sagt: “Den schwarzen Schafen ist Tür und Tor geöffnet, in die eigene Tasche zu wirtschaften, ohne dass es auffliegt.”

In einem besonders dreisten Fall habe ein Mitarbeiter über Jahre hin mindestens 400.000 Mark in die eigene Tasche gewirtschaftet. Karl-Heinz F., Angestellter einer Verwaltung und zeitweilig deren Prokurist, habe bei seinem Arbeitgeber weitgehende Vollmachten für die Auftragsvergabe gehabt. Zuerst habe er kleinere Aufträge an Handwerker vergeben und so deren Vertrauen gewonnen.

Als sich die meist kleinen Firmen auf regelmäßige Zusammenarbeit eingestellt und teilweise ihren Betrieb erweitert hatten, stellte er seine Forderung: Zehn Prozent der Auftragssumme als “Provision” – oder keine Aufträge mehr. “Die meisten Firmen haben bezahlt, weil sie so unter Druck standen”, fasst Staatsanwältin Stefanie Oberländer zusammen.

Ansonsten hätten sie ihren Betrieb verkleinern müssen. F. sei “rigoros und knallhart” gewesen und habe sich in der Branche den Ruf als “Mister zehn Prozent” erworben.
18 Firmen haben laut den Ermittlern F. geschmiert.

Das besonders Dreiste am Fall F.: Ihm waren die Ermittler schon 1997 auf die Spur gekommen, 2000 war er wegen Bestechlichkeit bereits zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Dennoch habe er “ohne Schuldeinsicht oder zumindest Angst” weiter kassiert, so Oberländer. Das Geld habe er zwar bar kassiert, aber, zum Erstaunen der Ermittler, ordnungsgemäß versteuert. Sein offenbar ahnungsloser Chef kündigte ihm erst 2002.

Das Pikante: Seit der Entlassung aus der Untersuchungshaft arbeitet F. wieder bei einer Hausverwaltung. Trotz seiner Schmiergeld-Einnahme führe er ein sehr bescheidenes Leben. Angezapft hat F. auch Heizöllieferanten und den “Ölpfennig”-Rabatt nicht an die Wohnungseigentümer weitergegeben. Auch diese Firmen seien erpresst worden: Aufträge nur gegen Geld, in diesem Fall Rabatt in Höhe von heute einem halben Cent pro Liter Heizöl.

Diese Praktik vermuteten die Ermittler bei gut 50 weiteren Hausverwaltungen.
In immerhin etwa jedem dritten Fall habe sich der Verdacht erhärtet, dass sie den Rabatt nicht an die Wohnungseigentümer weitergereicht haben.

In den Ermittlungskomplex gehören einige weitere Fälle, bei denen drei Beschuldigte zeitweise sogar in Untersuchungshaft saßen. Dabei sei aber deutlich weniger Schmiergeld geflossen als bei Karl-Heinz F.

Die Handwerker und Ölfirmen, die bezahlten, sind in der Regel mit einem Strafbefehl und einer Geldstrafe davon gekommen, weil sie dem System kaum entrinnen konnten. Bisher seien nur kleinere Verwaltungen betroffen und solche, die Wohnungen von Dritten betreuen.
Weitere Durchsuchungen stünden noch an.
“Das System verführt zur Selbstbedienung“, sagt Oberstaatsanwalt Anton Winkler.
Er rät den Wohnungseigentümern, ihre Verwaltung gezielt nach dem Ölpfennig zu fragen.

Winkler geht davon aus, dass längst nicht alle Fälle von Korruption bei Hausverwaltungen aufgedeckt sind. Ein Brancheninsider bestätigte der SZ, dass Schmiergeldzahlungen von Handwerkern an Verwaltungen an der Tagesordnung seien.

Text von Von Bernd Kastner, Süddeutsche Zeitung, 11.05.2010


Kommentar:

war vor Jahren angeprangert wurde, hat sich heute perfektioniert.

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